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Potsdam Memorandum

Schlussfolgerungen des Symposiums „Global Sustainability: A Nobel Cause“,
Potsdam, Deutschland, 8. bis 10. Oktober 2007

Wir stehen an einem geschichtlichen Wendepunkt, wo der Bedrohung unseres Planeten nur mit einer Großen Transformation begegnet werden kann. Diese Transformation muss jetzt beginnen; sie wird von allen Teilnehmern des Nobelpreisträger-Symposiums befürwortet und unterstützt.

Die Notwendigkeit einer Großen Transformation

Die weltweite soziale und wirtschaftliche Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg hat unseren Planeten in eine beispiellose Krisensituation gestürzt: Menschliche Aktivitäten wirken heute wie eine quasi-geologische Kraft, die die Funktionsweise des natürlichen Erdsystems tief greifend und unumkehrbar verändert – falls diese Dynamik nicht rechtzeitig gebremst wird.

Wie durch den IPCC dargelegt, ist die vom Menschen durch den Ausstoß von Treibhausgasen verursachte globale Erwärmung nur die erste in einer Reihe von Entwicklungs-, Sicherheits- und Umweltkrisen, die eine umfassende Reaktion erfordern. Doch Maßnahmen zum Klimaschutz sind scheinbar nicht mit dem vorherrschenden Wachstums-Paradigma vereinbar, denn dieses lässt den Zusammenhang zwischen menschlichem Gemeinwohl und den begrenzten natürlichen Ressourcen außer Acht. Die Menschheit steht nun vor der Aufgabe, den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch zu verringern. Während dies eine veränderte Lebensweise in den wohlhabenden Ländern erfordert, gilt es dagegen in den ärmeren Ländern, in denen der größte Teil der Weltbevölkerung lebt, die Voraussetzungen für Wachstum im Sinne des Rechts auf Entwicklung zu schaffen. Um künftig rund neun Milliarden Menschen auf der Erde ein Leben in Würde zu ermöglichen, muss vor allem deren nachhaltige Versorgung mit bezahlbarer Energie gesichert werden. Bislang hängt die Energieversorgung jedoch fast ausschließlich von den Ressourcen an fossilen Brennstoffen und deren nicht-nachhaltigen Nutzung ab. Die Frage der „Kohlenstoff-Gerechtigkeit“ erfordert dringend eine neue Form der internationalen Zusammenarbeit.

Gibt es einen „Dritten Weg“ zwischen fortschreitender Umweltzerstörung und lähmender Unterentwicklung? Die Antwort lautet Ja, aber dieser Weg beinhaltet eine zügige und umfassende Neugestaltung unserer Industriegesellschaft. Diese Große Transformation ist eine gewaltige Herausforderung, doch sind wir gegenüber früheren Generationen im Vorteil: Wir verfügen heute über ein ausgereiftes System, Wissen zu produzieren, das prinzipiell dazu genutzt werden kann, diese Transformation unter mutiger politischer Leitung gemeinsam mit aufgeklärten Entscheidungsträgern in der Wirtschaft und der gesamten Zivilgesellschaft herbeizuführen.

Wesentliche Herausforderungen und Handlungsstrategien auf dem Weg zur Nachhaltigkeit

Alle Teilnehmer des Symposiums haben eindeutig den engen Zusammenhang zwischen den Herausforderungen des Klimawandels, der Energiesicherheit und einer nachhaltigen Entwicklung anerkannt. Sie unterstützen den Anspruch der Entwicklungsländer auf sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt und berücksichtigen die Wechselwirkungen zwischen Klimaschutz und den kurz-, mittel- und langfristigen Herausforderungen des Wachstums in der Welt. Dementsprechend befürworten sie ausdrücklich die in den Millennium Development Goals formulierten Konzepte für eine breit angelegte und vielschichtige Entwicklung.

1. Um die Stabilisierung des Klimas zu erreichen, muss eine Reihe von wirkungsvollen Maßnahmen ergriffen werden. Von größter Bedeutung ist ein Klimaschutzabkommen für die Zeit nach 2012, das folgende Schlüsselelemente enthalten sollte:

  • Eine globale Zielmarke, wie etwa eine Begrenzung des Anstiegs der globalen Mitteltemperatur gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf 2° Celsius oder – dazu nahezu äquivalent – die Halbierung des weltweiten Treibhausgas-Ausstoßes bis 2050. Zudem ist eine Reihe von kurz- und mittelfristigen Zielsetzungen notwendig, um geeignete Investitionen und Technologien zu fördern. Dadurch verringert sich der Druck, später viel umfangreichere Maßnahmen ergreifen zu müssen.
  • Eine Führungsrolle der Industrienationen, sowohl bei der drastischen Verringerung der Emissionen als auch bei der Entwicklung kohlenstoffarmer und -freier Technologien, um Entwicklungsländern im Rahmen einer globalen Partnerschaft den dringend benötigten Raum für wirtschaftliches Wachstum zu geben.
  • Kohlenstoff-Gerechtigkeit, also die langfristige Annäherung an weltweit gleiche Pro-Kopf-Emissionsrechte durch einen mittelfristigen Ansatz, der die unterschiedlichen nationalen Leistungsvermögen berücksichtigt. Ein wichtiges Ziel wäre es, die jeweiligen Gesamtemissionen zu verringern, welche sich aus dem Produkt des Pro-Kopf-Ausstoßes und der Bevölkerungszahl ergeben. Beide Faktoren sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung.
  • Die Etablierung eines globalen Kohlenstoff-Preises, zum Beispiel durch ein internationales Cap-and-Trade-System von Systemen, das auf der Versteigerung von Emissionszertifikaten beruht.
  • Die weltweite Förderung klimafreundlicher Innovationen und internationaler Kooperationen von Forschung und Entwicklung (R&D), in Kombination mit generell verstärkter finanzieller Förderung von Forschung, Entwicklung und Verbreitung (RD & D), einschließlich der Grundlagenforschung.
  • Wesentliche Beiträge zum Aufbau eines multinationalen Finanzierungssystems, um die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel zu verbessern.
  • Erhöhte Anstrengungen und Anreize für Kommunen und Länder, ihre Waldbestände zu bewahren und ökologisch verträgliche Wiederaufforstung zu beschleunigen, um die durch Entwaldung entstandenen Emissionen auszugleichen.
  • Die signifikante Minderung von Nicht-CO2-Treibhausgasemissionen sicherzustellen.

2. Der weltweite Energiebedarf wird erwartungsgemäß stark ansteigen. Energie-Effizienz und eine Reihe bereits verfügbarer Technologien sind der Schlüssel, dieser Entwicklung gerecht zu werden. Um Energiesicherheit im Einklang mit Umweltverträglichkeit zu gewährleisten, sollte sich eine internationale Strategie auf folgende Punkte konzentrieren:

  • Eine notwendige (allerdings alleine nicht ausreichende) systemische Effizienz-Revolution, welche die Substitution von Energieträgern, die Kraft-Wärme-Kopplung und eine energiesparende Lebensweise umfasst.
  • Ein Portfolioansatz, der systematisch das wirtschaftliche und technologische Potenzial aller relevanten Klimaschutz-Maßnahmen ausschöpft.
  • Die Planung von Investitionsstrategien, basierend auf diesem Portfolioansatz. Diese Investitionen sollten u. a. zielen auf intelligente Verbundsysteme, die Infrastruktur von Stromnetzen, Energie-Speichertechnologien, Nachfrage-orientierte Maßnahmen und Ausbau erneuerbarer Energien, wie beispielsweise der Solarenergie, die bereits zum jetzigen Zeitpunkt ein immenses Potenzial hat. Zusätzlich zum Handel mit Kohlenstoffzertifikaten sind Finanzspritzen erforderlich, um neue Technologien zu fördern und ihren Marktanteil zu vergrößern, z.B. durch Einspeisegesetze für die Nutzung erneuerbarer Energien.
  • Die zügige Realisierung von Demonstrationsprojekten zur fortschrittlichen Gewinnung von Solarenergie und zur Kohlenstoff-Sequestrierung, um Innovationen zu beschleunigen und Kosten zu senken.
  • Die Stabilisierung langfristiger Erwartungen von Investoren an Kapitalmärkte und die Einrichtung von Institutionen, die zur Finanzierung kohlenstoffarmer Technologien in Entwicklungsländern Mikrokredite vergeben.

Eine globale Zielvereinbarung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

Es ist unumgänglich, dass wir alle Quellen unseres Erfindungsreichtums und der Kooperation erschließen, um den Herausforderungen in den Bereichen Umwelt und Entwicklung im 21. Jahrhundert und darüber hinaus gerecht zu werden. Wesentlich dabei ist eine strategische Allianz zwischen der wissenschaftlichen Gemeinschaft und Führungskräften, Institutionen und den aktiven Bewegungen der Zivilgesellschaft. Im Gegenzug sollten die Regierungen, die Industrie und private Geldgeber in Forschungsvorhaben investieren, die nachhaltige Lösungen aufzeigen.

Dieser neue „Vertrag“ zwischen Wissenschaft und Gesellschaft muss, neben vielen anderen, vor allem drei Elemente enthalten:

  1. Ein multinationales Innovations-Programm für die Sicherung der menschlichen Grundbedürfnisse (Energie, Luft, Wasser, Nahrung, Gesundheit etc.), das in vielen Aspekten über die nationalen Kraftakte der Vergangenheit hinausgeht (Manhattan, Sputnik, Apollo, Grüne Revolution etc.).

  2. Abbau der hartnäckigen Bildungsgrenzen und -unterschiede durch ein globales Kommunikations-System (das von internationalen Diskursforen bis zu einem echten „World Wide Web“ digitalen Informationsflusses reicht). Insbesondere das im Aufbau befindliche „Global Earth Observation System of Systems (GEOSS)“ könnte rechtzeitig vor drohenden ökologischen oder sozialen Nachhaltigkeitskrisen warnen.

  3. Eine weltweite Initiative für Forschung sowie Aus- und Fortbildung im Bereich der Nachhaltigkeit. Die klügsten jungen Menschen müssen motiviert werden, Probleme interdisziplinär zu lösen, basierend auf der beständig vorangetriebenen Exzellenz in den wissenschaftlichen Einzeldisziplinen. Ziel ist es, die nächste Generation dafür zu gewinnen, die Wissensbasis für das Wohlergehen der übernächsten Generation zu schaffen.



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